Das Erbe Malaikats


Eigentlich war es eine Zeit des Friedens im Lande Malaikat. Der kalte Wind zog durch die verschneiten Berge im Norden und gefror alle Gedanken an eine Kriegshandlung gegen die Hauptstadt Kelavi, die in Mitten der grossen, weiten Steppen lag. Die grossen Flüsse im Süden waren frei von den Piratenbanden, welche noch vor ein paar Jahren, zum Leid der anständigen Bewohner Malaikats, die rauschenden Wellen unsicher gemacht hatten. Im Osten ging die Steppe vom einen Schritt auf den anderen in die Namenlose Wüste über. Nur einer von den vielen tapferen Männern, die den Mut gehabt hatten sich in diese unberechenbaren Sandmassen zu wagen, war wieder zurückgekommen und das auch eher tot als lebendig.
Die gefürchtetsten Bewohner dieses geheimnisvollen und gefährlichen Ortes waren die Dschinn. Ein Volk von Wüstennomaden, doch häufig wurden sie Geistern gleichgesetzt. Zahlreiche Legenden waberten wie Nebel um sie, doch keiner konnte berichten, um was für Wesen es sich bei den Dschinn wirklich handelte.
Die Königsfamilie, die den Thron in Kelavi mit starker und ehrlicher Hand führte, störte sich nicht an den Legenden und Geschichten um die Namenlose Wüste. Ihre ach so gefährlichen Bewohner hatten noch nie ein Schwert gegen sie erhoben und das war die Hauptsache. Die grosse Sorge des Königs war in den letzten Jahren eher auf dem grossen Wäldern im Westen gelegen. Ein Heer von Schatten hatte sich damals dort versammelt, mit dem Ziel die Hauptstadt und so auch ganz Malaikat in tiefe Finsternis zu stürzen. Mit der Macht des Lichts war es jedoch gelungen, den Aufstand zurückzuschlagen und die Schatten zurück in die Hölle zu schicken. Doch leider war der Sohn des Königs in der Schlacht gefallen und grosse Trauer hatte sich seitdem in Kelavis Strassen breitgemacht.
Am heutigen Tag schien sie jedoch wie weggewischt. Die grossen Türme des Schlosses glänzten in der aufgehenden Sonne und verteilten ihre Strahlen wie ein riesiger Leuchtturm über die ganze Ebene.
Kelavi glich einer Laterne in dunkler Nacht.
Die Fahnen flatterten im Wind, der von den Bergen im Norden herabwehte und den Duft von frischgebackenen Broten durch die Strassen hinauf zum Schloss brachte. Der Junge, der am offenen Schlossfenster stand, strich sich genervt die schwarzen Haare aus dem Gesicht.
Wie lange würde das denn jetzt noch dauern?
Von Tante Malia war seit Stunden nichts zu hören, was wohl auch an den dicken Schlossmauern liegen könnte und Onkel Jalal war einem Nervenzusammenbruch nahe. Die ganze Aufregung hatte noch vor dem Morgengrauen begonnen und seitdem war das Chaos los.
Die Zofen rannten immer wieder die Gänge entlang. Um frische Handtücher zu besorgen oder um mit einer Schüssel frischen Wassers zurückzukommen. Sie alle wurden von Jalal aufgehalten und mussten sich seine stets gleiche Frage anhören.
„ Wie geht es meiner Frau?“
Die Antworten waren unterschiedlich, aber der nervöse Blick, mit dem sie ihn alle bedachten, war eindeutig.
Der Junge am Fenster wandte den Kopf, gerade rechtzeitig um das ganze Frageprozedere von seinem Onkel noch einmal mitzuerleben. Er zog ärgerlich die dunklen Brauen zusammen, bevor er sich mit eiligen Schritten Richtung Gang bewegte.
„Onkel Jalal! Lass es gut sein!“, rief er noch im Gehen und blieb dann kurz vor dem grossen Mann in den purpurnen Gewändern stehen. Blaue Augen fixierten ihn. Sein Onkel vorzog das Gesicht zu einer erschöpften Fratze. Er fuhr sich durch das blonde Haar, das schon von den ersten grauen Strähnen durchzogen war und verrückte dabei die goldene Krone mit den Edelsteinen, die auf seinem Kopf sass.
„ Junge, ich… – geh doch wieder zurück in dein Zimmer“, sagte der König sanft und sah in die grauen Augen seines Neffen. Der Kleine sah in nur noch sturer an. Manchmal hatte Jalal das Gefühl, dass der Geist dieses Kindes nicht dem eines normalen Sechsjährigen entsprach.
„Onkel Jalal, du machst dich noch verrückt. Lass doch die Zofen einfach ihre Arbeit machen. Es kommt bestimmt alles gut…“, versuchte der Schwarzhaarige seinen Onkel zu beruhigen. Der König warf einen Blick hinter sich, doch dort wo vorhin die Zofe gestanden hatte, tanzten nur noch die Staubkörner im Sonnenlicht durch den Gang. Sie hatte wohl die Flucht ergriffen, als der Kleine ihn abgelenkt hatte. Der König schüttelte leicht den Kopf und wollte noch etwas sagen, aber der Junge liess ihm keine Wahl, sondern zog ihn einfach mit sich fort.
Die grosse Treppe im Ostflügel hinauf, die zum Schlossturm führte, auf dessen Terrasse man eine atemberaubende Sicht über ganz Malakait hatte. Als die beiden die Plattform erreichten, zog der Wind an ihren Haaren und Gewändern. Während der König sich fröstelnd die Arme um den Körper schlang, stand der Junge einfach nur ruhig da, den Blick in die Ferne gerichtet. Irgendwann durchschnitten die leisen Worte Jalals das Heulen des Windes.
„Früher bin ich oft mit deiner Mutter hier oben gestanden.“
Das Gesicht des Jungen war augenblicklich erstarrt und für einen Moment schienen seine Augen glasig. Aber er sagte nichts dazu. Starrte nur weiter über die Ebene. Sein Onkel bemerkte sein Leiden nicht. Er trat neben seinen Neffen an die Brüstung und sah zu den Häusern unter ihnen hinab.
„Die Stadt scheint sich langsam wieder zu erholen“, sagte er mehr zu sich selbst und der Junge bemerkte die traurigen Augen seines Onkels, als er an das grosse Unglück zurückdachte.
Als würde das Schicksal nicht wollen, dass jemand an so einem Tag trauerte, war plötzlich ein Schreien in der Luft. Das Weinen eines kleinen Neugeborenen. Der König horchte auf, rannte dann mit strahlenden Augen zurück zur Treppe und verschwand im Inneren des Schlosses. Der Junge blieb noch einige Momente länger auf der Plattform stehen, bevor er es seinem Onkel gleich tat und ihm folgte.
Hätte er Malaikat nur noch wenige Augenblicke länger beobachtet, wäre ihm das unheimliche Leuchten in der ockerfarbenen Ebene im Osten bestimmt aufgefallen.
Aber auch ohne dieses Wissen, sass das Gefühl in seinem Innern, dass eine neue Zeit angebrochen war.

Prologentwurf 2012


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